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Erstmals in Schlesien


Die letzten Ausflüge hatten mich schon ziemlich weit in den Norden Tschechiens nahe an die Grenze zu Polen geführt. Auch diesmal wollte ich in den Norden, aber weiter im Osten in die Gegend um Ostrava. Dort, nördlich von Mähren befindet sich die historische Region Schlesien. Mit dem Erbantritt von Maria Theresia erhob der Preußenkönig Friedrich II. Anspruch auf die Region und als Folge der Schlesischen Kriege wurde Schlesien aufgeteilt, nur mehr ein kleiner Teil blieb dem Habsburgerreich erhalten.


Bruntál


Von Ostrau über Olmütz führt die Hauptbahnstrecke nach Prag. Es gibt auch eine zweite Strecke, mit der ich von Olmütz in den Norden fuhr und in Bruntál (deutsch Freudenthal) ausstieg. Die Bahn müht sich dabei, von der Ebene der March die Wasserscheide zur Oder zu erklimmen, die in den Ausläufern des Altvatergebirges verläuft. In Bruntál war es zwar auch heiß, doch merkbar gedämpfter als in den tiefer gelegenen Regionen. So war es nicht allzu anstrengend mich in der Kleinstadt umzusehen, die zu den alten Böhmischen Königsstädten zählt. Am hübschen Hauptplatz fällt vor Allem das Gabrielhaus mit seinem Stufengiebel aus dem 16. Jahrhundert auf, überragt wird er vom Turm der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt aus dem 13. Jahrhundert.


Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál


Gekommen war ich aber hauptsächlich wegen dem Schloss. Es entstand aus einer vielfach umkämpften mittelalterlichen Burg. Die Herren von Würben bauten noch ein Reinaissanceschloss, verloren aber nach der verlorenen Schlacht am Weissen Berg als Unterstützer der Protestanten im Jahr 1620 ihre Besitzungen. Neue Besitzer des Schlosses Freudenthal wurde der auf die Zeit der Kreuzzüge zurückgehende Deutsche Ritterorden, der Hochmeister des Ordens war damit auch immer Herzog von Freudenthal.


Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
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Im Schlosshof blieben die Arkaden und der Turm aus der Renaissancezeit erhalten, abgeschlossen wird der Hof aber mit einem bis 1770 errichteten Trakt im Barockstil. Dieser folgt immer noch der gotischen Burgmauer und besitzt daher einen gekrümmten Verlauf.


Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
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Der Zutritt ins Schloss und selbst den Hof ist nur mit Führung möglich, bis dahin konnte ich mir mal den Garten ansehen, in dem noch Reste der Burgbefestigung zu sehen sind und der mit barocken Figuren geschmückt ist. Auch wenn die Hochmeister nur selten nach Bruntál kamen, das Schloss ist einer herzoglichen Residenz würdig ausgestattet. Bloß gibt es den klerikalen Eigentümer entsprechend keine Damengemächer, sehr wohl aber prunkvolle Festsäle. Immer wieder sieht man das Tatzenkreuz, das Symbol des Ordens.

Ab dem 16. Jahhundert stammten fast alle Hochmeister aus der Familie Habsburg, zumindest aber aus dem Hochadel. Es gab im Orden eine deutlich Trennung zwischen der höfischen Führungselite und dem seelsorgerischen Auftrag in den Balleien und Kommenden. Es gab im Orden auch einen protestantischen Zweig, mehrheitlich blieb er aber katholisch, was man bis heute in ihren ehemaligen europaweiten Besitzungen (s. z.B. Reiterkrieg) in der Konfessionsverteilung der Bevölkerung nachvollziehen kann. Das Naheverhältnis zu den Habsburgern und die einsetzende Säkularisierung führten dazu, das der Deutsche Orden bis ins 19. Jahrhundert seine einst großen Besitzungen verlor und nur mehr in der k.u.k. Monarchie maßgeblich vertreten war. Die tschechischen Besitzungen wurden 1945 konfisziert, das Schloss ist heute in Besitz der Stadtgemeinde Bruntál.

Seinen Hauptsitz in Wien (Deutschordenshaus) hat der Orden immer noch, die Schatzkammer sollte ich mir einmal ansehen. Ein spannender Zusammenhang, denn die Wiener Hauptniederlassung kannte ich bisher nicht.


Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
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Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
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Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál


Es war ein guter Tip, zum Abendessen in die ehemalige Brauerei zu gehen, nach der interessanten und umfassenden Besichtigungstour knurrte der Magen und schmeckte der Wein. Ein paar Aufnahmen bei der einsetzenden Nacht standen och am Programm, dann endete der Tag (trotz der nackigen russischen Nachbarinnen im Hotel).


Schloss BruntálSchloss BruntálSchloss Bruntál
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Hradec nad Moravicí / Grätz


Relativ früh startete ich die Weiterreise. Die ehemals schlesische Hauptstadt Troppau (heute tschechisch Opava) will ich mir ein anderes Mal ansehen, ich bestieg nur die Nebenbahn, die ins 8 Kilometer südlich gelegene Hradec_nad_Moravicí (deutsch Grätz) pendelt. Die Bahn endet am Ende eines immer schmäler werdenden Tales, in dem zwei Flüsschen zusammenfließen. Zwischen diesen liegt auf einem steilen Hügel der ältere Teil des Orts und auch das Schloss Grätz. Puh, es war ein heißer Tag, das stellte ich schon beim Anmarsch zum Schloss fest.


Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)


Begrüßt wird man von von einer mächtigen Toranlage aus rotem Backstein. Obwohl das Schloss eine sehr lange Geschichte aufweist, so gehört dieser neugotische Bau zu den jüngsten Teilen. Er ist Teil des „Roten Schlosses” aus dem 19. Jahrhundert. Dieser schmucke Bereich wird gerade saniert, ein Hotel soll dort einziehen.


Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)
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Fast die gesamte Breite des Hügels nimmt das „Weiße Schloss” ein. Man würde kaum vermuten, dass dieser im Empirestil gehaltene Flügel auf einem Ort steht, an dem sich schon im 9. Jahrhundert eine slawische Befestigung befand, auch von der mittelalterlichen gotischen Burg ist nichts mehr erkennbar. Das heute sichtbare Bild des Schlosses prägten die Fürsten Lichnowsky, die die Herrschaft 1778 erwarben und sich sofort daran machten, ihre zeitgemäßen Wohnbedürfnisse mit Umbauten zu realsieren. So wurde aus der Burganlage das Empireschloss, der Hof wurde mit einem auf Arkaden stehenden Gang geteilt.

Die bei der Besichtigungstour gezeigten Räume enthalten schöne Einrichtungen aus dem 19. Jahrhundert, leider darf kaum fotografiert werden.


Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)
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Wer die Biografien von Mozart oder Beethoven aufmerksam liest, dem ist der Fürst Karl Lichnowsky schon untergekommen, beide erfuhren vom kunstsinnigen Fürsten wesentliche Unterstützung.

  • Lichnowsky war wie Mozart Freimaurer, sie kannten sich aus der Loge. Auch die Fürstin, geborene Wilhelmina Christina Reichsgräfin von Thun und Hohenstein hatte in Wien schon Mozart gekannt, sie erhielt von ihm Klavierunterricht. Mozart begleitete 1789 Lichnowsky nach Potsdam und wurde dort von König Friedrich Wilhelm empfangen. Das Verhältnis wurde aber schwieriger, als Mozart geliehenes Geld nicht zurück bezahlte und darauf hin vom Fürsten verklagt wurde.
  • Von 1800 bis 1807 erhielt Beethoven eine jährliche finanzielle Unterstützung von Fürst Lichnowsky, im Gegenzug sind einige Werke des Komponisten dem adeligen Gönner gewidmet (z.B. die 2. Symphonie). Bei seinem zweiten Besuch auf Schloss Grätz weigerte sich Beethoven, vor Gästen des Fürsten zu musizieren, was das Ende der freundschaftlichen Beziehung bedeutete.
  • Auch der Musiker Franz Liszt war mehrfach im Schloss zu Gast.


Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)
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Das ich mich schon sehr am Rand der ehemaligen Habsburgermonarchie befand, war an einem weiteren Familienmitglied zu erkennen. Felix von Lichnowsky war weniger nach Wien hin orientiert, sondern sogar Mitglied in der Frankfurter Nationalversammlung. Bei den Märzunruhen konnte er das aufgebrachte Volk noch beruhigen und damit den preußische König Friedrich Wilhelm IV. schützen, im September 1848 wurde er in Frankfurt aber von wütenden Bürgern tödlich verwundet.


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Zum Schlosspark hin steht hinter dem „Weißen Schloss” ein Turm, der sehr alt aussieht. Im Kern steckt ein gotische Runddturm, der jedoch zeitgleich mit dem „Roten Schloss” historisierend zum „Weißen Turm” umgebaut wurde und somit erst 150 alt ist.


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In einem frei zugänglichen Ausstellungsbereich im Schloss steht diese Kutsche. Bei naher Betrachtung ist so ein Gefährt ein Zeugnis der Handwerkskunst, bedenkt man, dass ihre einzelnen Teile ausschließlich in Handarbeit hergestellt worden sind. Die Kutsche war aber nicht nur ein Prestigebesitz, sonder tatsächliches für die damaligen Verhältnisse komfortables Reisemittel. Alte Fotos zeigen, dass diese Kusche den Fürsten sogar zu einer Reise bis nach London brachte.


Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)


Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)Schloss Grätz (Hradec nad Moravicí)


Der Schlosspark zieht sich weit den Hügel hinan und eigentlich hatte ich geplant, die darin angelegten Denkmäler für die der Fürstenfamilie nahestehenden Musikerpersönlichkeiten anzusehen. Aber, mir war heiß, alle paar Höhenmeter bedeuteten einen weitern Schweißausbruch. Selbst im schattigen Wald war es nahezu unerträgliche, so besichtigte ich nach dem Schloss eingehend die Speise- und Getränkekarte der Schlosstaverne.

Die Regionalzüge sind ja erfrischend, alle Fenster geöffnet zieht es zwar kräftig, aber es bleibt erträglich. Die zweistündige Fahrt mit dem Expresszug von Ostrava (deutsch Mährisch-Ostrau) quer durch die Tschechische Republik bis Břeclav war dagegen alles andere als erholsam. Bei 160 km/h kam wenigstens ein kleiner Windhauch durch die aufgeklappten Oberlichten in die unklimatisierten Zugabteile, jeder Zwischenhalt entsprach einem Aufguss in der Sauna. Der ebenso leidende Schaffner hat zwar dankenswert Wasser verteilt, aber das konnte die Heimfahrt auch nicht vor einem Höllentrip retten. Selten kam ich von einem Ausflug so erledigt heim, die Wohnung begrüßte mich aber auch erst mal mit 32° warmer Luft. Ich reise ja echt gerne, aber im Hochsommer sollte ich vielleicht doch einem Badesee fernen Schlössern den Vorzug geben. Trotzdem, Schlesien hat noch viel an Interessantem parat, ich freue mich auf ein Wiedersehen.